GEMEINSAM GESCHICHTE SCHREIBEN.

Thomas Tauchner war mehr als ein Jahrzehnt Trainer im Amateur Volleyball. Heute führt er als CEO und Gründer ein Wiener Technologie-Startup. Was ihn als Führungspersönlichkeit geprägt hat, lernte er nicht in Seminaren, sondern in Volleyballhallen - von seinen Spielerinnen.
Thomas Tauchner
Der Amateursport bewegt sich in einem herausfordernden Spannungsfeld: mehr als ein Hobby, aber weniger als Profisport.
Genau dort entstehen echte Emotionen und Bedürfnisse, die ihr als Team aktiv gestalten müsst. Ihr seid Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Zielen und Erwartungen – vereint durch eure Leidenschaft für Volleyball.
Diese gemeinsame Begeisterung wird das Fundament für eine großartige Saison sein, an die ihr euch noch in zehn Jahren gerne erinnern werdet.
Mit Volleyball kam ich schon als sehr junger Mensch in Berührung. Meine Schwester und ich konnten kaum laufen, da turnten wir schon zwischen Kästen und Matten in den Gerätekammern der Wiener Sporthallen, während unsere Mutter Volleyball spielte. Sie selbst ist nur durch Zufall zu diesem Sport gekommen. Bei einem ersten Treffen in der Halle mit ihren Freundinnen verwechselten sie schlichtweg Volleyball mit Basketball. Da das Netz aber schon aufgebaut war, beschlossen sie, dieses eine Mal Volleyball zu spielen und ab dem nächsten Mal mit Basketball zu beginnen. Tatsächlich hat diese Gruppe die darauffolgenden 20 Jahren nie Basketball gespielt und sich jede Woche mit viel Leidenschaft für Volleyball entschieden. Und wir Kinder waren immer mit dabei: anfangs in den Gerätekammern und, als wir etwas älter waren, dann hin und wieder auch auf dem Feld.
Mit 6 Jahren begann ich, im Verein TJ Sokol V zu spielen. Meinen Trainern war bald klar, dass ich ein Talent als Aufspieler hatte, eine Position, die ich bis zum Ende meiner aktiven Karriere nie wieder hergegeben habe.
Als ich 9 wurde, wurden mehrere Burschenteams zusammengelegt, und wir erhielten einen Trainer, der für viele von uns entscheidend werden sollte: Helmut Nietsche. Er war fachlich brillant, aber auch geprägt von der autoritären Härte der Ostblock-Schule. Für uns Jugendliche war er herausfordernd, manchmal zu streng, aber er formte uns – sportlich und charakterlich.
Mit 14 besuchte ich ein Leistungssportgymnasium. Der Unterricht begann zu Mittag, um uns 2 Trainingseinheiten pro Tag zu ermöglichen. Der Rhythmus war hart, doch er führte uns zu großem Erfolg: 15 österreichische Meistertitel im Nachwuchs und zahlreiche Nationalteam-Einsätze. Ich selbst durfte 4 Jahre lang Kapitän des Nationalteams meines Jahrgangs (1983) sein.
Mit 16 startete ich meine Karriere in der 1. Bundesliga (Österreich). Ich trainierte intensiver denn je, verbrachte jedoch als junger Aufspieler viel Zeit auf der Ersatzbank.
Viele von uns kehrten nach der Schule dem Leistungssport den Rücken – so auch ich. Obwohl ich einige Angebote hatte, um als Vertragsspieler weiterzuspielen, musste ich doch feststellen, dass ich den Sport schon eine Weile sehr intensiv betrieben hatte und die Neugierde auf etwas Neues, z. B. auf eine Universität, war groß.
Von Volleyball wollte ich erstmal nichts mehr wissen. Erst Jahre später habe ich meine Leidenschaft als Trainer und Coach entdeckt. Zuerst bei der Hobbymannschaft meiner Mutter – genau jener, bei der wir als Kinder schon in der Gerätekammer turnten –, um dann anschließend Damenmannschaften in der 2. Bundesliga zu trainieren. Ich wollte beweisen, dass ich bereit war, klammerte mich aber mangels Erfahrung an das einzige Trainerbild, das ich kannte: streng, autoritär, unnahbar. Doch das war für mich nicht authentisch. Ich war nicht Helmut Nietsche. Und so kam es zu Konflikten, sportlichen Problemen – schließlich zu meiner Kündigung. Eine bittere Enttäuschung, die ich damals nicht einordnen konnte.
Ein Jahr später akzeptierte ich ein Angebot eines Vereins aus Melk/Ybbs. Ich dachte zuerst, es würde um ihre 1. Bundesligamannschaft gehen, doch es stellte sich schnell heraus, dass ich die gerade aufgestiegene Landesligamannschaft SU Ybbs trainieren sollte. Ich wollte eigentlich ablehnen, aber die Mannschaft stand bereits in der Halle – und so absolvierte ich das Probetraining mit ihnen. Die Spielerinnen beeindruckten mich in diesen 2 Stunden durch ihre Motivation, Leidenschaft und ihren Zusammenhalt so sehr, dass ich noch am selben Tag für die ganze kommende Saison zusagte.
Diese Entscheidung sollte eine der besten meines Lebens werden.
Aus der ersten Saison wurden 4 erfolgreiche Jahre. Wir stiegen bis in die 2. Bundesliga auf und gewannen sie im dritten Jahr. Die Gemeinde stand hinter uns, der Bürgermeister verpasste kaum ein Heimspiel, und Obmann August Riess schuf eine organisatorische Basis, die uns volle Konzentration auf den Sport ermöglichte. Das Wichtigste aber war, dass in den 4 Jahren ein Team entstand, welches an Zusammenhalt kaum zu übertreffen war. Mit manchen Spielerinnen bin ich heute noch eng befreundet.
Diese Zeit prägte mich wie kaum eine andere. Ich lernte, wie man ein Team führt, ohne über diesem oder außerhalb davon zu stehen, wie man Leistung und Spaß vereint, wie Vertrauen entsteht und wie sich gemeinsamer Erfolg anfühlt.
Nach insgesamt 10 Jahren im Volleyball-Amateurbereich zog ich mich als Trainer wieder zurück. Ich war noch einige Zeit als Sportdirektor tätig und unterstützte andere Vereine und Coaches im Rahmen von Coach-the-Coach-Tätigkeiten.
2020 gründete ich JENTIS, ein Technologie-Startup, dem ich mich seither voll widme. Vieles von dem, was mich heute als CEO erfolgreich macht, habe ich nicht in Seminaren oder im Beruf gelernt, sondern in Volleyballhallen – als Spieler, als Trainer und vor allem von Spielerinnen.
2022 lernte ich meine zukünftige Frau Ingrid kennen – natürlich eine Volleyballspielerin. Nach der Perspektive eines Nachwuchsspielers und eines Amateurtrainers habe ich durch ihre Augen den Blickwinkel einer Amateurspielerin kennenlernen dürfen. Aufgrund dieser Impulse und vieler Gespräche mit anderen Spieler:innen und Trainer:innen habe ich mich entschieden, dieses Buch zu schreiben.